
KI dominiert: 500 Milliarden VC-Gelder global im ersten Halbjahr
Der globale Venture-Capital-Markt hat im ersten Halbjahr 2026 mit Finanzierungen von insgesamt 506 Mrd. US-Dollar einen neuen Rekord erreicht. Nach Daten von Dealroom entfiel dabei der überwiegende Teil des Wachstums auf den Bereich Künstliche Intelligenz. KI-Unternehmen sammelten 77% des weltweit investierten Risikokapitals ein – und das ausschließlich bei Unternehmen, deren Geschäftsmodell wirklich im Kern auf KI basiert. Alle anderen Tech-Bereiche bleiben meilenweit dahinter zurück.
Getrieben wurde der Rekord vor allem durch einige wenige Mega-Finanzierungen. Fast die Hälfte des gesamten weltweiten VC-Volumens – 237 Mrd. US-Dollar – entfiel auf OpenAI sowie Anthropic und xAI. Allein OpenAI erhielt in einer Finanzierungsrunde 122 Mrd. US-Dollar. Erstmals wurden innerhalb von nur sechs Monaten mehr Finanzierungsrunden mit einem Volumen von über 2 Mrd. US-Dollar gezählt als im gesamten Jahr 2025.
Konzentration auf wenige Große
Und damit konzentriert sich das Venture Capital zunehmend auf wenige Unternehmen. Während Finanzierungsrunden über 2 Mrd. US-Dollar im vergangenen Jahr noch 21% des gesamten VC-Volumens ausmachten, lag ihr Anteil im ersten Halbjahr 2026 bereits bei 57%.
Auch regional verstärkt sich die Konzentration. Mehr als 80% des weltweit investierten Venture Capitals flossen in den ersten sechs Monaten des Jahres in US-amerikanische Unternehmen. Damit wächst der Abstand zu Europa und Asien weiter. Noch während des VC-Booms 2021 verteilten sich die Investitionen deutlich breiter auf Regionen wie Lateinamerika, Afrika oder Südostasien. Heute profitieren vor allem etablierte Innovationsstandorte in den USA von der Kapitalflut.
Robotik, Verteidigung und Halbleiter – Pharma unter ferner liefen
Im Fokus der Investoren stehen neben generativer KI vor allem Halbleiter, Robotik sowie Verteidigungs- und Sicherheitstechnologien. Letztere erreichten mit 40 Mrd. US-Dollar ebenfalls einen historischen Höchststand. Dagegen stagnierten die Investitionen in Climate-Tech auf dem Vorjahresniveau. Für Pharma und Biotechnologie bedeutet diese Entwicklung, dass sie trotz einzelner großer Finanzierungsrunden nicht mehr zu den dominierenden VC-Sektoren zählen.
Der Report bestätigt für europäische Biotech-Unternehmen einen Trend, der sich bereits seit mehreren Jahren abzeichnet: Kapital ist zwar weiterhin verfügbar, konzentriert sich aber auf klinisch weit fortgeschrittene Unternehmen, Plattformtechnologien mit klarer Differenzierung oder strategisch relevante Bereiche wie KI-gestützte Wirkstoffentwicklung. Frühphasige Biotech-Finanzierungen bleiben dagegen anspruchsvoll, insbesondere außerhalb der USA.
Insgesamt zeigt die Analyse, wie stark sich der globale Venture-Capital-Markt verändert hat. Rekordvolumina bedeuten nicht mehr automatisch eine breite Finanzierung des Innovationsökosystems. Stattdessen fließt ein wachsender Anteil des Kapitals in wenige, milliardenschwere KI-Unternehmen. Klassische Deep-Tech- und Life-Science-Sektoren müssen trotz hoher wissenschaftlicher Dynamik um die Aufmerksamkeit der Investoren konkurrieren.
Veränderte Lage für VC-Fonds
Doch auch für die VC-Fonds selbst bedeuten solche Trends eine Veränderung des Finanzökosystems: wenn wie bei einem schwarzen Loch die Schwerkraft das Geld immer stärker in bestimmte Bereiche und zu wenigen Firmen zieht, stehen den Investoren im HealthCare-Sektor gar nicht mehr die Mittel zur Verfügung, um dort die langwierigen Entwicklungspfade finanzieren zu können. Viele Biotech-Fonds haben in den vergangenen Jahren zwar hohe Summen erhalten, doch geht es ihnen ähnlich wie den Biotech-Firmen selbst, die nach einer erfolgreichen Finanzierungsrunde sofort wieder nach dem nächsten Geld suchen müssen. Auch die gut gefütterten Biotech-Fonds müssen nun genau in dieser offensichtlichen Wegbewegung des Geldgeber-Interesses mit guten Argumenten aufwarten, um die leerlaufenden Fonds wieder füllen zu können.
Die Hoffnung liegt in Europa auf den milliardenschwer aufgefüllten Wachstumsfonds der EU und einzelner Länder. Diese reichen jedoch selbst in der Summe nicht an die sehr großen US-Fonds heran. Zudem ist alleine die VC-Gesellschaft EQT mandatiert, den 5 Mrd.-Euro-Scale-up-Fonds der EU zu managen und direkt in Unternehmen zu investieren. Alle anderen Fonds können sich hier höchstens anhängen oder in die Röhre schauen. Hat sich vielleicht auch aufgrund einer solchen Einschätzung der schwieriger werdenden Lage für die VC-Gesellschaften die niederländische Gimv aus dem HealthCare-Sektor zurückgezogen? Werden andere noch folgen?
Die Geldströme scheinen sich ein neues Flussbett gegraben zu haben, manche VC-Gesellschaft, die sich nahe genug am Ufer positioniert fühlte, könnte nun für längere Zeit auf dem Trockenen sitzen. Auch für die Biotech-Firmen könnte ein Umdenken einsetzen, ob man denn mit kleineren Fonds in dieser Lage wirklich auf gemeinsame Wanderschaft gehen sollte.

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Amadeus Bramsiepe, KIT
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